Von Seattle nach Port Townsend

Von Seattle aus beginnt die Reise mit der Autofähre von den Piers 52-53, ungefähr eine halbe Stunde dauert die Überfahrt nach Winslow auf Bainbridge Island. Von der Fähre aus hat man einen wunderbaren Blick auf die Skyline von Seattle, am Nachmittag glänzen die Glasfassaden der Hochhäuser wie Gold in der Sonne. Bainbridge Island ist eine ursprünglich gebliebene kleine Insel, zu deren Hauptattraktion die Parklandschaft der Bloedel Reserve gehören. Auf ca. 61 ha finden sich Gärten - auch ein japanischer fehlt nicht - Wiesen und Teiche mit über 300 verschiedenen Baumarten (bloedelreserve.org). Der Highway 305 führt quer über die Insel nach Norden über die Agate Pass Bridge auf die Kitsap Peninsula. Suquamish und Port Gamble weiter nördlich sind hier sehenswert. Beide Orte erzählen mit viktorianischen Häusern, pittoresken Kirchen und in Suquamish mit dem Grab von Chief Sealth (dem indianischen Namensgeber von Seattle) von der frühen Siedlungsgeschichte der Region.
 
Noch intensiver gelingt das aber in Port Townsend, der kleinen Hafenstadt ganz im Nordosten der Halbinsel (ptguide.com). Entlang der Water Street reihen sich viele Steinhäuser aneinander, Zeichen des Reichtums aus der Gründungszeit, in denen sich heute teilweise Hotels, Restaurants und Geschäfte befinden. Die Stadt liegt an einer Klippe und oberhalb der Kante wurden die meisten der heute unter Denkmalschutz stehenden viktorianischen Holz-Häuser errichtet. Zum Teil liebevoll restauriert und in mitunter recht knalligen Farben bemalt, versetzen diese Gebäude den Betrachter in eine längst vergangene Zeit zurück. Port Townsend teilt sich mit Eureka in Nordkalifornien den Ruf, die Bed & Breakfast Hauptstädte des Nordwestens zu sein, jedenfalls gibt es davon mehr als Hotels. Lohnenswert ist auch ein Besuch des Northwest Maritime Center am Ende der Water Street, es wurde erst im Herbst 2009 fertig gestellt (nwmaritime.org). Natürlich werden von Port Townsend auch Whale-Watching-Touren angeboten, eine gute Gelegenheit, die schwarz-weißen Raubtiere aus der Nähe zu beobachten.

Sequim und die Dungeness Bay

Am Highway 101, der die Halbinsel umrundet, liegt als nächster Ort Sequim. Stolz bezeichnet sich Sequim als Hauptstadt des Lavendels von Nordamerika und feiert dies seit 1996 mit einem Festival Mitte Juli (15.-17.7.2011). Die Farmen, die mit einem Shuttlebus zu erreichen sind, bieten diverse Workshops an, man kann z.B. einen Badezusatz mischen und sich über den Anbau im eigenen Garten informieren. Die Lavendelfelder in der Nähe der kleinen Stadt brauchen trotz der nicht wenigen Niederschläge viel Wasser, deshalb findet dort ein weiteres Festival statt, das man in dieser Region eigentlich nicht erwarten würde: das Bewässerungsfest Anfang Mai (irrigationfestival.com), seit 1895 wird gefeiert, das sich die frühen Siedler etwas haben einfallen lassen, um mit Wasser aus dem Dungeness River ihre Felder fruchtbar zu machen. Wie ein Dreieck zieht sich das Farmland nördlich von Sequim bis zur Küste und mündet dort in eine lang gezogene Sanddüne, den Dungeness Spit. Die üppige Küstenvegetation bietet  Lebensraum für zahlreiche Wasservögel, die die Dungeness Bay als Winterquartier nutzen oder wie die Seeadler hier dauerhaft leben. Die Bucht ist deshalb als Dungeness National Wildlife Refuge ausgewiesen (dungeness.com/refuge), es gibt öffentliche Wander-Wege bis an die Spitze, wo noch ein Leuchtturm von 1857 steht.

Port Angeles

Das kleine Handelszentrum Port Angeles mit Fischereiflotte und Sägemühlen bietet sich als Stützpunkt für Wanderungen im nördlichen National Park an. Von hier aus geht auch viermal täglich (im Sommer) eine Autofähre nach Victoria auf Vancouver Island (Kanada) ab (cohoferry.com). Obwohl schon 1791 von spanischen Seefahrern gegründet, sind in Port Angeles wenig historische Gebäude zu finden. Interessant sind die 35 modernen Skulpturen, die in der Stadt verteilt aufgestellt sind, alle von regionalen Künstlern. Zudem gibt es eine Anzahl von Hotels und Supermärkten sowie Outdoor-Ausstattern, wo sich der Einkauf vor der Umrundung der Halbinsel lohnt (portangeles.org).

Olympic National Park

Rd 370 000 ha umfasst das 1938 zum Park und National Monument erklärte Gelände. Damals galt es die vom Aussterben bedrohten Roosevelt-Hirsche zu schützen, was mit Erfolg gelungen ist. Zwar ist er oft von Wolken verhangen, aber der 2.428 m hohe Vulkankegel des Mt. Olympus prägt das Gebiet. Das Besondere dieses Parks bzw. der Halbinsel sind die extrem unterschiedlichen klimatischen Zonen. In den Flusstälern auf der Westseite haben sich Vegetationsformen entwickelt, die Ähnlichkeit mit einem Dschungel aufweisen. Sitka-Fichten und unzählige Sorten von Flechten und Moosen prägen den Charakter dieses "Temperate rain forest", in dem sich bis zu 1.000 Jahre alte Bäume befinden. Die unterschiedlichen Höhenlagen und die entsprechende Niederschläge haben für eine lebendige Mischung der Flora gesorgt und damit auch die Voraussetzungen geschaffen, dass sich eine Tierwelt mit Bären, Luchsen, Weißkopfadlern, Bibern und Dammwild hier zu Hause fühlt (nps.gov/olym).
 

Hurrican Hill Trail und Marymere Waterfalls am Lake Crescent

Für Besucher stehen fast 1 000 km an Wanderwegen zur Verfügung, etliche Campingplätze und mehrere Hotels mit Hütten (Resorts oder Lodges) bieten Übernachtungsmöglichkeiten. Der beliebteste und am meisten frequentierte Wanderweg ist der Hurrican Hill Trail, ein ca 5 km langer Rundweg, der z.T. wunderbare Ausblicke auf die Buchten der Juan de Fuca Strait bietet; er beginnt am Hurrican Ridge Visitor Center oberhalb von Port Angeles. Mehr vom Regenwald sieht man auf einem kürzeren Weg zu den Marymere Wasserfällen, südlich vom Olympic Park Institute am Lake Crescent beginnend. Der moderate Weg zeigt die vielfältigen Formen des Regenwaldes, alte, abgestorbene Stämme bilden den Nährboden für neue Bäume und andere Pflanzen. Schier undurchdringlich erscheint zum Teil das Unterholz, zum Prinzip des National Parks gehört es, dass keine Rodungen durchgeführt werden.
In unmittelbarer Nähe des Lake Crescent liegt das Sol Duc Hot Springs Resort. Das Besondere hier sind die 3 heißen Quellen, in denen man baden kann, sie weisen durchschnittlich 38 bis 42 °C auf (visitsolduc.com). Auch ohne im Resort zu übernachten, kann man in den Thermal-Pools baden und sich entspannen.
 

Abstecher in die Indianer-Reservate

Nur über den Highway 112 von Port Angeles zu erreichen sind die ganz im Nordwesten gelegene Neah Bay und der Ozette Lake. Dort leben die Makah-Indianer, ein Stamm, der im Jahr 2000 für Schlagzeilen weltweit sorgte, weil sie die Erlaubnis erhalten hatten, wieder Wale zu jagen. Umweltschützer versuchten dies damals zu verhindern, aber der Stamm argumentierte mit den Traditionen, zu denen man zurückkehren wollte. Ein Museum in der Neah Bay informiert über die jahrhundertealten Lebensweisen in dieser rauen Gegend (www.makah.com).
Kurz vor Forks führt eine Stichstraße an die Küste nach La Push. Die winzige Strandgemeinde gehört zum Reservat der Quileute Indianer, die überwiegend vom Fischfang leben. Es gibt ein Hotel, ein Restaurant und ein paar Geschäfte und vom First Beach aus lassen sich manchmal Grauwale sogar ohne Fernglas sichten, so nahe schwimmen sie an der Küste entlang (quileutenation.org).
 
Der Highway 101 ist die einzige im Westen gelegene Nord-Süd Verbindung der Halbinsel, er führt durch riesige Waldgebiete, die seit über 100 Jahren bewirtschaftet werden und den Betrachter mit riesigen Kahlflächen (Clear cut) inmitten des dichten Waldes erschrecken können. Junger Wald zeigt, dass auch immer wieder aufgeforstet wird, denn die Holzwirtschaft ist bis heute der wichtigste ökonomische Stützpfeiler der Region.
 

Hoh Rain Forest

Zum Hoh Rain Visitor Center gelangt man mit dem Auto nur auf dem Abzweig südlich von Forks (Upper Hoh Road). Dort beginnen viele schöne Wanderwege durch den bizarren Regenwald, einer der beliebtesten ist der Hall of Moss Trail. Er führt durch ein immergrünes, mit Moosen, Flechten und Farnen dicht bewachsenes Stück Wald und ist nur ca 1,2 km lang.

Ruby Beach und Kalaloch Lodge

Aus dem Wald kommend, erreicht der Hwy 101 bei Ruby Beach die Pazifikküste, dort ist auch ein Parkplatz ausgewiesen. Auch im Sommer ist es verhältnismäßig einsam hier, zwischen den Bergen von Treibholz, den Felsbrocken und scharfen Klippen wandern nur wirkliche „Fans". Hier finden sich ungewöhnliche Formationen aller Arten von Holz, von der wilden Gewalt der Wellen geschaffen und wie Riesenspielzeug an den Strand geschleudert. Etwas aufgeräumter geht es in der Umgebung der Kalaloch Lodge zu, dort kann man unterhalb der rustikalen Cabins der Lodge eine Weile am Strand entlang wandern. Auch in die Berge führen von der Lodge aus mehrere Wege, an der Information Station sind Karten und Hinweise erhältlich (olympicnationalparks.com).

Quinault Lake

Wieder am Fuß des National Park liegt der langgestreckte Quinault Lake, umgeben von dichtem Wald, so dass die Häuser am nördlichen Ufer fast nicht zu sehen sind. Schon vor mehr als 100 Jahren sind Sommerfrischler in diese Gegend gekommen, das ehrwürdige Lake Quinault Lodge stammt aus dieser Zeit und steht auf der Liste der National Historic Places. Es ist natürlich restauriert und auf einen modernen Stand gebracht, aber die ganze Anlage atmet noch den Charme vergangener Zeiten (olympicnationalpark.com).

Aberdeen

Nahezu menschenleer zeigt sich auch die Region zwischen Aberdeen im Norden und dem Columbia River im Süden, er bildet die Grenze zum Bundesstaat Oregon. Die Holzwirtschaft ist hier nahezu die einzige Einkommensquelle und da die Mechanisierung voranschreitet, verlassen viele die Gegend. Leere und verfallende Häuser, heruntergekommene Wohngebiete sind Kennzeichen dieses Wandels. In Aberdeen wurde übrigens Kurt Cobain geboren, der berühmte Leadsänger der Grunge Band Nirvana.
 
In Aberdeen kann man sich entscheiden: entweder über die kleine Hauptstadt Olympia und Tacoma zurück nach Seattle zu fahren, oder noch Strandleben genießen an der Bucht von Gray Harbor und der Wilapa Bay mit dem langen Sandstrand von Long Beach und anschließend den Krater des Mount St. Helens aufsuchen.

Hauptstadt Olympia

Nicht alle loben den touristischen Wert der kleinen Hauptstadt Olympia (ca. 44 000 Einw), auch wenn Matt Groening, der Erfinder der Simpsons, hier geboren wurde. Das  Regierungsgebäude (State Capitol) unweit des Capitol Lake mit seiner 87m hohen Kuppel lohnt einen Besuch, tgl. werden Führungen angeboten. Interessant ist auch eine Besichtigung des Old Capitol Building in der Innenstadt, das aus der Zeit stammt, als die Zollstation 1853 zur Hauptstadt erklärt wurde. 1949 zerstörte ein Erdbeben viele der historischen Gebäude der Kleinstadt, weitere wurden bei starken Erdstößen 1965 und 2001 in Mitleidenschaft gezogen.
Als Ausgangsort für den Cascadia Marine Trail ist Olympia allerdings berühmt. Diese 225 km lange Kajak-Route, die sich durch den ganzen Puget Sound bis an die Kanadische Grenze hinter den San Juan Islands zieht, ist ein "National Recreational Trail" mit über 50 Campingplätzen entlang der Strecke (wwta.org).
Um sich für ein Picknick einzudecken, lohnt ein Besuch des Farmers Market am Capitol Way, der allerdings nur von Do-Sa von 10-15 Uhr geöffnet ist. Die Ware stammt überwiegend von Bauern aus der Umgebung. (State Capitol Visitor Center, Ecke 14th Ave. und Capitol Way, ga.wa.gov/visitor).

Ergänzung der Reise: Long Beach und Mt. St. Helens

Long Beach ist eine schmale Halbinsel vor der Wilapa Bay, rd. 45 km gelber Sand ziehen sich von Ilwaco bis zum Fort Columbia State Park. Die kleinen Orte entlang des Hwy 103 sind schon seit gut 100 Jahren ein Ziel von Ausflüglern und Touristen, es gibt viele Hotels und B&Bs, ebenso wie eine große Zahl von Anbietern für Kite-surfing, Kajaktouren oder Fischen. Im Interpretive Center am Cape Disappointment Lighthouse kann man sich über die berühmte Expedition von Meriwether Lewis & William Clark informieren, (www.parks.wa.gov/stewardship/interpcenters/), hier endete die Erkundung des Westens im Auftrag von Präsident Jefferson im November 1805. Der Leuchtturm an dieser südwestlichsten Spitze von Washington steht auf einer Felsnase, von der aus man einen atemberaubenden Blick auf die Mündung des Columbia River und die die Küste von Oregon begrenzenden Berge hat.

Vulkan Mt. St. Helens

1980 war der große Vulkanausbruch, dessen gewaltige Explosion die Nordflanke und den Gipfel wegriss und mit einer Glutwolke aus Asche und Gas alles zerstörte. Erloschen ist der Mt. St. Helens bis heute nicht, kleinere Erschütterungen werden kontinuierlich gemessen, 2006 schien er wieder kurz vor einem Ausbruch zu stehen. 1982 hat der US-Kongress beschlossen, das Gebiet zu einem National Volcanic Monument zu erklären. Die Region wird seitdem renaturiert, Hirsche wieder angesiedelt, Straßen neu gebaut, und für Wissenschaftler Geld zur Verfügung gestellt, um den Vulkan weiter zu erforschen. Die Natur hat sich weite Teile inzwischen zurückerobert, zwischen den wie mit Sandstrahlgebläse blank geputzten Stümpfen der alten Baumriesen wachsen junge Bäume und Sträucher nach. Dennoch wirkt die Landschaft immer noch beeinträchtigt, auch 30 Jahre nach dem Vulkanausbruch sind die Spuren deutlich zu sehen, zu gewaltig waren die freigesetzten Kräfte aus dem Inneren der Erde.

Es gibt zwei Besucherzentren, von denen aus man den Krater und die zerstörte Umgebung gut einsehen kann: Johnston Ridge Observatory und Windy Ridge View Point. Zum Johnston fährt man auf der Rundreise von Long Beach nach Longview, dann auf der  Interstate 5 bis Castle Rock, dort geht der Hwy 504 ab und führt ca. 70 km zum Observatory. Diese Route ist am besten ausgebaut und ganzjährig befahrbar, sie wird in den meisten Broschüren und auf der Website www.visitMtStHelens.com empfohlen. Ebenfalls von der Interstate 5 geht bei Woodland der Hwy 503 nach Cougar ab, landschaftlich schön entlang am Lake Mervin und Yale Lake. Von dort führen die Strassen 90, 25 und 99 zum Spirit Lake und dem dort befindlichen Windy Ridge View Point. Diese Wege sind im Winter auf jeden Fall geschlossen und es hängt von den Wetterbedingungen ab, wann sie im Frühjahr für befahrbar erklärt werden (fs.fed.us/gpnf/volcanocams/msh/).

Reiseroute um den Olympic National Park, Washington, USA
Reiseroute um den Olympic National Park, Washington, USA